Kontaktabbruch- plötzliches Verstummen

Die meisten Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, handeln aus einem Leidensdruck heraus. Lange Zeit sind sie ihnen loyal gegenüber, aber irgendwann haben sie innersubjektiv keine andere Wahl: Sie fühlen sich so bedrängt, so verlassen, so überfordert, dass sie einfach nicht im Kontakt bleiben können, es sei denn, sie verlieren sich selber. Dabei sind die Gründe für das plötzliche Verstummen vielfältig, jede Familie ist ein kleines Universum mit seiner eigenen Schwerkraft, seinen eigenen Spielregeln.

 

Wenn Kinder ein Vehikel für ungestillte Sehnsüchte ihrer Eltern werden. Wenn ihnen Halt und Geborgenheit fehlen und sie selbst versuchen, ihre Eltern glücklich zu machen. Wenn Kindern ihre Autonomie und Selbstbestimmung verwehrt wird, sie keinen Raum zur Selbstfindung haben und nur noch unglücklich sind, ist es Zeit, sich von den Eltern, als Selbstschutz zu lösen.

 

Wenn ein Familienklima problematisch ist, dann ist das für die Kinder ja erst mal wie gottgegeben, es ist die Normalität und wird überhaupt nicht angezweifelt. Aber die erwachsenen Kinder bekommen immer mehr mit, in Partnerschaften oder Freundschaften, außerhalb der Familie, wie sich eine nährende, Geborgenheit und Sicherheit gebende Beziehung anfühlen kann. Dazu komme, dass junge Menschen sich mehr austauschten, sich informieren. Die merken, dass es zu Hause problematisch zugeht. Auf einmal wird ein Konflikt bewusst, der unbewusst war.

 

Wie bei Regina Hansen (Name geändert). Sie lässt die Anrufe ihrer Mutter auf den Anrufbeantworter auflaufen, seit fünf Jahren schon, sie hebt nicht mehr ab, meldet sich nicht, besucht ihre Eltern nicht. Auf Fragen nach ihrer Familie hatte sie stets geantwortet, dass "alles sehr gut und bilderbuchschön war". Bis sie im Jahr 2010 an einer Depression erkrankte und sich eingestand, dass ihre Kindheit keineswegs unbeschwert war, sondern voller Demütigungen, voller seelischer Misshandlungen. Hansen sagt: "Ich bin in den Augen meiner Eltern niemals gut genug gewesen. Ich erinnerte mich, wie ich von meinen Eltern vernachlässigt wurde, verspottet, wegen jeder Kleinigkeit – und nur nach ihren Mund reden durfte!

 

Die Familie ist gut situiert, nach außen sieht alles wunderbar aus. "Meine Eltern haben sich in der Schule immer sehr engagiert. Doch mir haben sie ein extremes Schuldgefühl eingeredet, immer wurde mit dem Heim gedroht und ich musste mich nach jeder verbalen Attacke bei ihnen entschuldigen – dafür, dass sie mich emotional verletzt haben", erzählt Regina Hansen.

 

Einmal sei sie kurz davor gewesen zurückzugehen, sich zu entschuldigen, sich wieder unterzuordnen. "Aber dann sind da meine Erinnerungen und mein Schmerz und die Trauer, die mir klar machen: Ich kann nicht zurück."

 

Hansen ist sich zuerst nicht sicher, ob sie ihre Geschichte überhaupt erzählen will. "Ein Kontaktabbruch ist nie leicht", sagt sie, "und ich habe ihn nicht so einfach aus einer Laune heraus gemacht, sondern damit ich wieder zur Ruhe komme und heilen kann."

 

Eine völlig untypische Geschichte? Eine typische? Für die Psychotherapeutin Claudia Haarmann ist die Erfahrung zumindest des emotionalen Missbrauchs der Kinder durch die Eltern keine untypische Sache. Genauso wenig wie der Umstand, dass es vielen Eltern nicht bewusst ist, dass sie ihren Kindern seelische Gewalt antun. "Manche Eltern würden wahrscheinlich sagen: Aber Kind, wir wollten doch nur das Beste für dich", erzählt sie.

 

Haarmann erinnert sich an einen Traum, den ihr eine Tochter erzählt hat, die mit ihrer Mutter zur Beratung kam. Die Tochter erzählt von einem Traum, den sie seit Jahren habe: "Wir sitzen im Auto. Du, Mama, sitzt auf dem Beifahrersitz, irgendjemand fährt, und ich sitze hinten und brenne. Und du kriegst es einfach nicht mit." So fühlten sich viele Kinder, sagt Haarmann. Für sie ist der Kontaktabbruch wie ein Notsignal, ein Ausdruck der Verzweiflung, eine "bewusste Demontage der Verbindung", wie sie es nennt. Der Ausdruck Funkstille, heißt es, kommt eigentlich aus der Schifffahrt: Es ist die Stille, während der alle anderen Schiffe aufhören zu funken, damit man die Signale des einen in Not geratenen Schiffes hören kann.

 

So wie bei Anja A. Sie wünschte sich als Kind eine Mutter, die einfach für sie da wäre. Aber das war ihre Mutter nicht. "Das kann sie nicht", sagt A., "das kennt sie nicht. Meine Mutter hat als Kind selbst genug Dinge erlebt, die sie offensichtlich nicht verarbeitet hat." Anja A. ist 39 Jahre alt, ihr Lachen hell, die Stimme geht beim Reden rauf und runter. Sie hat heute selbst drei Kinder. Und sich vor eineinhalb Jahren entschlossen, den Kontakt zu ihrer Mutter abzubrechen. Nachdem ihre Mutter von neuem zu trinken anfing, nach 18 Jahren Abstinenz. "Meine Kindheit", erzählt Anja A., "war geprägt vom Alkoholismus beider Eltern, ich bin dann mit 13 ins Heim gekommen, und es war eigentlich immer eine ausgesprochen schwierige Mutter-Tochter-Beziehung."

 

Eine untypische Geschichte? Typisch ist der Schmerz, der so eine Entscheidung begleitet: "Ich stand vor der Frage, muss ich da weiter Kind bleiben? Kann ich bei meiner Mutter irgendetwas ändern - oder kümmere ich mich um mich und meine Familie?", sagt sie. Der Kontakt sei eingeschlafen, sie habe sich nicht mehr gemeldet, von der Mutter kam nichts mehr. "Ich habe es nie klar ausgesprochen."

 

Von jeder Geschichte ist für Claudia Haarmann, die Therapeutin, meist nur eine Hälfte sichtbar. Hier die Kinder, da die Eltern, nur durch das Schweigen verbunden.

 

 

Regina Hansen sagt, einer der Gründe, warum sie ihre Geschichte erzähle, sei das Unverständnis, auf das sie stoße, wenn sie über ihre Kindheit rede: "Es ist doch schon so lange vorbei", heiße es dann, "andere Kinder hatten auch eine schwere Kindheit." Oder: "Ich kenne deine Eltern und die sind nett." Oder: "Warum hast du dich nicht gewehrt?"

 

Das geht den Eltern ähnlich. Viele verheimlichen den Kontaktabbruch und erfinden Ausreden, warum der Sohn oder die Tochter schon wieder fehle. Aus Scham. Und wenn sie es doch zugäben, bekämen sie zu hören: "Ja, was hast du denn gemacht, dass sich dein Kind nicht meldet?"

 

Ein Kontraktbruch kann befreiend sein, er kann heilen, er kann aber auch noch mehr Schmerzen verursachen. Die Frage nach dem Warum? Warum haben mich meine Eltern so behandelt, was habe ich falsch gemacht, dass sie so mit mir umgegangen sind? Diese Fragen werden ein Leben lang bleiben. Am wichtigsten ist es, zu schauen, ob sich nicht ein Trauma aus den ganzen Kindheitserlebnissen entwickelt hat. Wer ein Trauma hat, kann nie glücklich im Leben werden. Ein Trauma sollte in jedem Fall behandelt werden.

 

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